Voodoo Jürgens

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Photo: Voodoo Jürgens

Konservierter kaiserlich-königlicher Glanz, Melange im Kaffeehaus, Schnitzl oder, natürlich, Tod – so touristisch präsentiert sich Wien. Spannender wird es dann schon, wenn es in die soziale Interaktion geht. Berufsbedingt passiert das bei mir des Öfteren und ich gebe gerne zu, dass ich die scheinbar fest verankerten gegenseitigen Vorurteile nicht verstehen kann. Es ist gar charmant. Doch, wie so oft, lohnt sich der Blick hinter die saubere Fassade. Voodoo Jürgens zieht den Klischee-Vorhang zur Seite und bittet zum Tanz.

Abseits der meisten Klischees erzählt David Öllerer als Voodoo Jürgens vom Rand der österreichischen Gesellschaft und dabei näher an Ulrich Seidels „Im Keller“ als an Sissi. Der großartige (und leicht verstörende) Dokumentarfilm begleitet die Portraitierten in den eigenen Keller, dem Hort absurder Hobbies. Nun, Voodoo Jürgens muss nicht in den Keller gehen: Er geht einfach raus und beobachtet oder erinnert sich an die eigene Jugend. Dazu der Klang von Leierkasten und Akkordeon als musikalisches Schreibpapier für die Geschichten, die im besten Wiener Dialekt erzählt werden – so richtig frei von Klischees sind die Songs dann doch nicht, werden aber ganz wunderbar abstrahiert und ad absurdum geführt: statt monarchischer Grünanlagen 3 Gschichtn ausn Cafe Fesch, statt Hofburg der Heimatort Tulln an der Donau, Hansi der Boxer oder Nochborskinda. Es glänzt nicht wirklich in den Texten, vielmehr sieht man verrauchte Cafés, halbdunkle Gestalten und Tod. Natürlich. Während Georg Kreisler feststellte, dass der Tod einer Wiener sein müsste, so exhumiert Voodoo Jürgens die Toten – ganz ohne behördliche Genehmigung. „Heite grob ma Tote aus“, singt der ehemalige Friedhofsgärtner und bei mir wippt der der Fuß locker im Takt. Wiener Schmäh mit einer herrlich dunklen Note.

Braucht’s nun also ein Wörterbuch? Vielleicht. Berührungsängste mit Austropop? Nein, denn wie singt Voodoo Jürgens so wahr? „Es is mir wurscht / Wo du her bist / Odas wos du mochst / Hauptsoch is / dassd jetzt do bist“. Gilt nicht nur für den Wiener Sänger, gilt für jeden Besucher auf dem Festival. Des is ur Leiwand!


Author: Sepp

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