Ilgen-Nur

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Foto: Nasanin Dahaghin

Spiel: Ein Abend voller Euphorie. In der Hamburger „Hanseplatte“ sind Platten und Bücher an die Ränder geschoben, um möglichst vielen Besucher Einlass zu gewähren. Wer es nicht schafft, der kann sich die Nase am Schaufenster platt drücken oder auf Zehenspitzen stehend von der Ladentür einen Blick auf die nicht vorhandene Bühne werfen. Sportlich: Es bedarf Ausdauer, Gleichgewicht und einen flexiblen Hals, um den richtigen Standort zu erwischen – und das am letzten Abend des Reeperbahn Festivals. Andererseits: einfach Slacker sein und in der improvisierten Sitzecke vorm Laden ein Bier trinken passt auch zum Soundtrack des Tages. „Euphorie Records“ haben zum Label-Abend eingeladen und Ilgen-Nur begeistert mit ungewöhnlicher Bühnenpräsenz: Stoisch, die Gitarre im Anschlag und fast ein wenig gelangweilt. Weit weg vom namensgebenden Gefühl des Labels, aber vielleicht auch nur faszinierende Fassade?

Satz: „No Emotions“ heißt die im letzten Jahr erschiene EP von Wahl-Hambugerin Ilgen-Nur. Es geht ums Aufwachsen und erwachsene Sachen und die damit verbundenen Unsicherheiten und Gefühle. Coming-of-Age, gefühlslos? Natürlich nicht. Widersprüche als Selbstschutz – sowohl auf der Bühne als auch auf Platte. Lieder über Alltagsbeobachtungen werden teilweise fröhlich beschwingt verpackt und erzählen doch tristes Teenager-Dasein: „sad songs about growing up“. Den Gitarrenklängen hört man die musikalischen Vorbilder wie Kurt Vile, Angel Olsen oder Courtney Barnett an. Zwischen Lo-Fi, DIY und Indie fühlt sich Ilgen-Nur Borali wohl und mit Max Rieger als Produzent und Paul Pötsch als musikalische Begleitung hat sie in der alten und neuen Heimat die richtigen Unterstützer für ihre Musik gefunden.

Lied: In „Cool“ singt Ilgen-Nur von ihrer ersten Zeit in Hamburg, die offenbar weniger euphorisch war als für manchen Besucher, der vom Hafen zur Welt angezogen wird. „I’m just trying to be cool / But I feel like a fool.” Diese Zeiten sind vorbei und ob nun „fool“ oder „cool“, eine Sache nimmt man Ilgen-Nur gerne ab: Lässig abhängen und Geschichten lauschen. In Mecklenburg-Vorpommern soll es dafür einen ganz guten Platz geben.


Text: Sepp

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